Kiebitz, Brachvogel und Co. werden immer seltener: Landwirte und Wissenschaftler arbeiten deshalb jetzt zusammen.

VREES „Wollen wir den Brachvogel verhaften? Oder doch erst den Kiebitz?” Brigitte Thien muss nicht lachen, wenn sie so etwas gefragt wirt. Die Studentin im Fach Landschaftsentwicklung ist in diesem Frühjahr beinahe täglich damit beschäftigt, den Wiesenvögeln in der Raddeniederung um Vrees beim Überleben zu helfen. Thien arbeitet mit in einem neuen, ziemlich erfolgreichen Projekt: Landwirte und Wissenschaftler schützen Eier und Küken selten gewordener Vogelarten.

“Wir nehmen den Brachvogel zuerst. Ich hab das Nest.” Brigitte Thiens Stimme kommt per Funkgerät bei Herrn Düttmann an. Der Osnabrucker Biologie-Professor steht neben seinem Auto auf einem Feldweg. Für Düttmann ist die Suche nach den selten gewordenen Wiesenlimikolen, also jenen Vögeln, die auf den Lebensraum Wiese angewiesen sind, fast schon Routine. Der 45-Jährige ist seit 2001 Naturschutzbeauftragter des Landkreises Emsland und hat Heimvorteil. Als gebürtiger Bockholter kennt der Professor in seiner Heimat rund um Werlte und Vrees jeden Baum und jeden Strauch.

Jedes Vogelnest in dem 500 Hektar großen Gebiet kennt er allerdings nicht. „Die müssen wir in der Brutsaison möglichst täglich suchen.” Und das sieht dann so aus: Düttmann und einer seiner Studenten, in diesem Fall die Werlterin Brigitte Thien, stehen am Wegesrand und schauen durch Ferngläser oder Spektive. Ihr Blick schweift über eine Landschaft aus vielen Wiesen und wenig Ackerflächen, ab und zu eine Baumgruppe. Wiesenvögel lieben diese offenen Weiten. Minutenlang kann das so gehen, manchmal stundenlang. Gesucht werden brütende Brachvögel, Kiebitze, Uferschnepfen oder Austernfischer. „Wenn wir sehen, dass ein Vogel am Nest landet, versuchen wir, die Stelle mit dem Fernrohr zu erfassen”, erklärt Düttmann. Dann muss einer den Platz im Blick halten und den anderen per Funk zu der Stelle lotsen. Sonst findet man so ein Nest nie. Ein Brachvogel hat Im Durchschnitt ein 40 Hektar großes Revier. Da muss man sich was einfallen lassen.”

An diesem Morgen haben die beiden Glück: Kiebitz und Brachvogel haben auf einem Acker nahe beieinander je ein Nest gebaut und Eier gelegt – der Brachvogel vier gänseeigroße, der Kiebitz drei kleinere. Weil der Landbesitzer seinen Acker neu einsäen will, hat er im Vorfeld den Biologen Düttmann informiert – damit die Gelege nicht unier die Räder kommen. Brigitte Thien markiert die beiden Nester jetzt mit zwei dünnen Bambusstangen – ein Signal für den Landwirt, dass er diesen Bereich umfahren soll. icht weit entfernt singt der vertriebene Brachvogel sein wehmütiges Lied. „Wir stören ihn nur kurz”, sagt Thien. „Die Tiere kommen nach 15 Minuten wieder zurück.”

“Unsere Wiesenvögel haben zwei große Probleme”, erläutert Professor Düttmann, der inzwischen mit kompletter Ausrüstung zu seiner Studentin gegangen ist. Erstens: Die Einflüsse der Landwirtschaft haben sich in den letzten Jahrzehnten zuungunsten der Tiere verändert. Zweitens: Die Prädation macht ihnen zu schaffen, alsoder Druck durch Beutegreifer.” Die Bestände brechen dramatisch ein – oft europaweit.

Um die komplizierten Zusammenhänge zu erklären, holt der Professor etwas weiter aus. „Einfache Ursachen gibt es nicht”, betont er und vermisst nebenbei die Größe der einzelnen Brachvogeleier, Brigitte Thien notiert „Unsere Wiesenvögel sind bei der Fortpflanzung nicht mehr erfolgreich genug. Allerdings legen sie genug Eier. Nur schlüpfen zu wenig Küken, und von den geschlüpften Küken überleben oft zu wenige.”
Viele Wiesenvögel hätten ursprünglich in Feuchlgebieten wie den Mooren gelebt, erklärt Düttmann. „Als der Mensch sie trockenlegte, zogen die Vögel auf die neuen feuchten Wiesen um und fanden einen guten Ersatzlebensraum.” Solange die Landwirte aus heutiger Sicht wenig intensiv gewirtschaftet hätten, sei das den Limikolen zugute gekommen. „Späte Grasmahd, wenig Düngung, feuchte und damit stocherfähige Böden: Das war für die Wiesenvögel gut.”

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft habe die Bauern allerdings gezwungen, ihre Arbeitsweisen zu ändern. „Anfang des 20, Jahrhunderts wurden die Wiesen im Juni das erste Mal gemäht Heute ist das schon Ende April der Fall – noch bevor die Mehrzahl der Gelege geschlüpft ist Viele werden deshalb ausgemäht. Außerdem gibt es insgesamt weniger Grünland, was besonders für Uferschnepfe und Brachvogel ein Problem ist. Nur der Kiebitz brütet bisweilen ersatzweise auch auf Ackerflächen. Ob er hier aber genauso erfolgreich ist wie im Grünland, muss die Untersuchung von Brigitte Thien zeigen.

Das aktuelle, von der Naturschutzstiftung des Landkreises Emsland finanzierte Gelege-und Kükenschutzprogramm soll also Abhilfe schaffen. Kurz gesagt, geht es darum, die Gelege rechtzeitig zu finden und zu markieren. Die Landwirte nehmen bei ihrer Arbeit Rücksicht auf die Wiesenvögel und werden für ihren erhöhten Arbeitsaufwand entschädigt. In der Region Vrees übernehmen Düttmann und seine Studenten die Gelegesuche. Außerdem helfen Naturschützer und vor allem die Landwirte selbst „Die Akzeptanz ist riesig”, lobt Düttmann.

Es gab zwar am Anfang Skepsis, vor allem wegen der Ausweisung der Raddeniederung als EU-Vogelschutzgebiet. Aber mittlerweile machen fast alle Landwirte mit. An der Südradde im emländischen Herßum und Vinnen koordinieren drei Bauern das Schutzprogramm sogar selbst”. Düttmann und Thien legen jetzt noch einen Datenlogger in jedes der beiden Nester. Das kleine schwarze Kästchen mit angehängtem Thermomether misst rund um die Uhr die Temperatur der Eier. “So können wir feststellen, welche Beutegreifer die Gelege fressen”, so Düttmann.”Wir wissen, dass viele Eier und auch Küken von Füchsen, Mardern oder Vögeln geräubert werden – manchmal bis zu 75 Prozent. Allerdings wissen wir nicht genau, warum dies in manchen Jahren intensiver erfolgt, als in anderen.Sicher scheint schon jetzt, dass nicht wie oft vermutet die Rabenvögel das größte Problem sind. Die Datenlogger zeigen, dass die meisten Gelege nachts geplündert werden – und das machen nur Füchse und Marder.”

Deshalb betont Düttmann: “Alle infrage kommenden Räuber blind zu bejagen, wäre der falsche Weg. Wir müssen die Zusammenhänge analysieren und bei Bedarf gezielt eingreifen. Möglicherweise kann der Druck, der derzeit von den Räubern ausgeht, auch durch die Verbesserung der Lebensräume gemindert werden. Das hilft auch Arten, die jetzt nicht im Fokus stehen, zum Beispiel Rebhuhn und Feldlerche.

Dass das Schutzprogramm erfolgreich ist, zeigt derweil die Weiterfahrt nach Auen im Landkreis Cloppenburg. Hier hatten Düttmann und seine Studenden schon 2006 mit der Arbeit begonnen – die Landwirte koorperierten, kein einziges von mehr als 70 Gelegen wurde überrollt. 2007 sind bisher insgesamt schon mehr als 100 Nester geschützt worden. Und wie geht es weiter? “Wir gehen davon aus, dass das EU-Vogelschutzgebiet dazu führt, dass den Landwirten dauerhaft Fördermittel zur Verfügung stehen werden, sagt Düttman. “Das ist gut für beid: Vögel und Landwirte.”

Veröffentlicht am 16.06.2007 von der Emszeitung

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