Im Emsland wer­den mit einem Ge­lege- und Küken­schutzprogramm die Bestände be­drohter Wiesenvö­gel geschützt. Da­für sind Anika Börries und Thomas Schomaker aus Werlte ehren­amtlich tätig. Von Christine Schneider-Berents

WERLTE. Donnerstag, später Nachmittag: Es reg­net, es ist windig und es ist kalt. Norddeutsches Schietwetter. Es taugt ei­gentlich nicht zu mehr, als den Tag in eine kuschelige Decke gehüllt auf dem So­fa liegend zu verbringen. Doch Anika Börries aus Werlte zieht sich stattdessen eine warme Jacke und Gummistiefel an, setzt sich ins Auto und fährt in Rich­tung „Vreeser Wiesen”. Dort hat sie auf der Weide eines Landwirtes das Gele­ge eines Kiebitzpärchens markiert. Zwei Bambus­stöcke links und rechts des Nestes stecken einen rund zwei Meter langen Bereich ab, der mit dem Traktor umfahren werden sollte.
Anika Börries hat ein gro­ßes Herz für kleine Vögel. Sie ist Gebietsbetreuerin, eine von insgesamt vier, die im Landkreis Emsland eh­renamtlich für das Gelege-und Kükenschutzpro­gramm für Wiesenvögel tä­tig sind. Während sich die 29-Jährige um den Vogel­nachwuchs im Bereich Werlte und Wieste küm­mert, ist ihr Lebensgefähr­te Thomas Schomaker schwerpunktmäßig in Vrees und Bockholte un­terwegs. Johann Windhaus ist für Vinnen zuständig. Gemeinsam sind die drei in den Niederungen der Flüs­se Süd- und Mittelradde sowie Marka im Ein­satz. Weiter oben im Norden des Altkreises Aschendorf-Hümmling achtet Si­mon Slagman aus Papenburg da­rauf, dass die Jungen des Kiebitz’, der Uferschnepfe, des Großen Brachvogels, des Austernfischers und der Bekassine im Deich­vorland der Ems von Lathen bis Weener flügge werden können.

„Der Erfolg des Programmes steht und fällt aller­dings mit der Akzeptanz durch die Landwirte. Ma­chen die nicht mit, haben wir kaum eine Chance, möglichst viele Nester zu finden”, erläutert Anika Börries und verweist damit auf einen ganz wichtigen Partner in Sachen Wiesen­vogelschutz. „Hier bei uns beteiligen sich rund 50 Bauern. Sie rufen uns an, wenn sie auf einer ihrer Flächen ein Gelege gefun­den haben. Dann fahren wir raus, markieren es und kontrollie­ren alle zwei bis drei Ta­ge, ob noch alles in Ord­nung ist”, erklärt Tho­mas Schomaker die Zusammen­arbeit mit Landwirten. Ei­ner von ihnen ist Hans-Günter Nannen aus Vrees.

Er mästet Bullen und Schweine. Auf seinen Äckern wachsen Mais und Getreide he­ran – und Vogeljunge. „Natürlich mache ich mit. Da­durch habe ich doch keine Um­stände. Ich sag’ Be­scheid. Und fertig. Um ein Nest he­rumzufah­ren, ist doch kein Pro­blem. Ein kleiner Schlenker, mehr nicht. Und außer­dem wird das ja auch noch bezahlt”, sagte der 48-Jäh­rige. „In der Tat. Es lohnt sich, sich mit uns in Ver­bindung zu setzen”, so Börries.

Für jedes von ihm gefun­dene Gelege erhält der Landwirt 25 Euro. Je ge­schütztes Nest bekommt er noch einmal 25 Euro dazu. 100 Euro je Hektar werden gezahlt, wenn sich der Viehauftrieb oder die Mahd bis zum 1. Juni ver­zögert, weil beispielsweise der spätbrütende Große Brachvogel die Fläche noch nicht verlassen hat. Für dieses Jahr stehen für die Gelegeschutz-Initiative im Emsland insgesamt rund 33 000 Euro an Lan­des-, EU- und Landkreis-Mitteln zur Verfügung.

„Ich würde diese Sache aber auch unterstützen, wenn es kein Geld gäbe. Kiebitze und die anderen Vögel gehören in unsere Landschaft. Es wäre schade, wenn sie daraus ver­schwinden würden”, findet Landwirt Nannen. Das ist auch einer der Gründe, warum sich Anika Börries für den Wiesenvogelschutz einsetzt. Sie ist von Beruf Umweltwissenschaftlerin und für ein Pla­nungsbüro in Westerstede tätig. Bei ihrer Arbeit setzt sich die junge Frau täglich mit dem Problem ausei­nander, die Belange des Naturschutzes mit der Entwicklung einer Kom­mune unter einen Hut zu bekommen.

„Wiesenvögel sind charak­teristisch für unsere emsländische Landschaft, vie­le Arten sind in ihrem Be­stand bedroht. Sehr stark der Große Brachvogel, stark der Kiebitz. Ich will nicht die Welt retten. Aber ich möchte dazu beitragen, dass die Vögel bei uns eine Überlebenschance haben”, sagt Börries und stellt klar, dass nicht allein die Land­wirtschaft schuld daran ist, dass die Bestände zurück­gehen.

Die intensive Bewirtschaf­tung der Flächen sei nur ein Grund von vielen, er­gänzt Thomas Schomaker. Ihn freut es, dass sich die emsländischen Bauern für den Wiesenvogelschutz stark machen. Vor vier Jahren habe der Landkreis das Projekt gestartet. Er­folge seien sicher erst in ein paar Jahren zu sehen. „Doch uns werden immer mehr Nester gemeldet. Die Landwirte sind für das Thema sensibilisiert. Und das ist klasse”, freut sich der 35-Jährige.

Veröffentlicht am 04.04.2010 von Der Wecker

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