Quakenbrück. Die Uferschnepfe hat es weit gebracht. Auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten steht der Vogel mit dem langen Stocherschnabel jedenfalls ganz oben – und mit ihm der einst artenreiche Lebensraum Feuchtwiese. Der Arbeitskreis Feuchtwiesenschutz Westniedersachsen hat jetzt in Quakenbrück Bilanz der letzten zwei Jahrzehnte gezogen – und die fällt dramatisch schlecht aus.

Vor 20 Jahren war der Arbeitskreis in Meppen gegründet worden, die Mitglieder kamen und kommen aus verschiedenen Umweltschutzorganisationen der Region. Als Leitart wählten sie damals die Uferschnepfe aus und untersuchten ihren Bestand seitdem mehrfach intensiv auf 126.000 Hektar Grünland in den Landkreisen Emsland, Grafschaft Bentheim, Osnabrück, Vechta, Diepholz, Cloppenburg und Leer.

Das Ergebnis ist erschreckend: Trotz Schutzbemühungen sind viele Bestände in den letzten zwei Jahrzehnten erloschen oder stark dezimiert worden. Da die Uferschnepfe sehr hohe Ansprüche an ihren Lebensraum stellt, gilt: Wo sie sich rar macht, fehlen bald vielleicht auch Kiebitz, Brachvogel oder Bekassine und damit einstige Charakterarten Niedersachsens. „Die Biodiversität, also die Vielfalt der Arten, ist in Gefahr“, sagen Johannes Melter und Robert Tüllinghoff vom Arbeitskreis Feuchtwiesenschutz.

Diese Bilanz zog auch Dr. Heinz Düttmann. Der Biologe und gebürtige Emsländer sprach für das Landesumweltministerium ein Grußwort und stellte fest: Zwar fließen mehr als sieben Millionen Euro jährlich in landesweite Biotop-Pflegeprogramme und den Erschwernisausgleich für jene Landwirte, die Feuchtgrünland pflegen und damit Flora und Fauna erhalten. Diese Programme seien zwar erfolgreich, reichten aber nicht aus, bedauerte Düttmann.

Niedersachsen beherberge zum Beispiel drei Viertel aller deutschen Uferschnepfen und damit auch einen großen Teil des Weltbestandes, was die besondere Bedeutung des Landes für ihren Schutz deutlich mache. Dennoch nähmen viele Wiesenvogelarten in ihrem Bestand ab.

Andere Wissenschaftler bestätigten den Trend. Selbst einstige Allerweltspflanzen wie das Wiesenschaumkraut sind, wo sie noch wachsen, fast schon ein floristisches Ereignis, weil Wiesen durch Düngung und frühen Schnitt immer artenärmer sind.

Gleichzeitig werden immer noch Wiesen in Ackerland umgewandelt – zugunsten von immer mehr Mais, der in Biogasanlagen wandert, wie Hermann Hötker vom Michael-Otto-Institut im Naturschutzbund beklagte. Und auch der Fuchs spiele als Nesträuber eine zunehmende Rolle, sagte der Biologe. Insgesamt sei die Situation kritisch und die Aussichten schlecht, sagte Hötker.

Maßnahmen gegen den Schwund der grün-bunten Kulturlandschaft wären bekannt: Grünland erhalten, Bauern den Aufwand bezahlen, das Grundwasser nicht weiter absenken.

Aber in Zeiten, in denen für einen Hektar Ackerland, der mit Mais für Biogasanlagen bestellt werden kann, 1000 Euro gezahlt werden, bleibt für Wiesenvögel kein Raum, und ihr Schutz droht unbezahlbar zu werden. Wenn es so weitergehe, so war zu vernehmen, sei die Uferschnepfe bald so selten wie der chinesische Panda-Bär.

Für Johannes Melter und Robert Tüllinghoff ist das aber kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Sie und ihre Mitstreiter wollen weitermachen mit dem Schutz der biologischen Vielfalt.

Veröffentlicht am 15.11.2010 von Tobias Böckermann, Lingener Tagespost 

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